Lieferdienste sind nicht neu: In Mecklenburg fährt Ingrid Jeske seit über 20 Jahren mit ihrem Kiosk-Wagen übers Land – und hat noch nie von Foodora oder Lieferando gehört.

Als der Kiosk-Wagen über das Kopfsteinpflaster holpert, klirren die Schnapsflaschen, als würden sie gleich zerspringen. Eine Packung Brause-Lollis reißt sich los und landet in der Brötchen-Kiste. Unbeirrt kämpft sich der Transporter von Ingrid Jeske weiter über die löchrige Dorfstraße. „Festhalten“, schreit sie über den dröhnenden Motor hinweg, steigt auf die Bremse und hupt drei Mal. Dann hupt sie zur Sicherheit noch einmal. Viele ihrer Kunden hören nicht mehr gut.

Es ist Freitag, westliches Mecklenburg, ein warmer Frühlingstag. Ingrid Jeske ist auf Tour. Jeden Tag fährt sie mit ihrem mobilen Laden eine andere Strecke. Heute ist sie südlich von Wismar unterwegs. „Hallo, Inge”, sagt eine Kundin und steigt ein. Hier nennen sie alle nur Inge. Im Angebot sind Tomaten, Spülmittel, Hundefutter, die „TV Spielfilm”. Daneben gibt es Bier, Binden, Ü-Eier und Waschpulver. Inge weiß, was jeder kauft. Bestellen kann man bei ihr aber auch.

Doch der Kiosk-Wagen streikt

Ein Lieferdienst – seit mehr als zwei Jahrzehnten. Foodora, Lieferando und all die gehypten Berliner Food-Startups kennt sie nicht. „Ich hab’ da gar keine Zeit für”, sagt Inge und dreht den Zündschlüssel. Das nächste Dorf wartet. Wieder röhrt der Motor, wieder hüpfen die eingekochten Erbsen im Regal, als der Wagen einen Satz nach vorne macht. „Die Kunden sind so dankbar, dass ich vorbeikomme”, erzählt Inge während der Fahrt. Trinkgeld gibt es immer reichlich, manchmal auch einen Kuchen. „Ich hab’ genug Kunden”, sagt sie und erzählt von einer zänkischen Dorfbewohnerin, die nur bei der Konkurrenz – nie bei ihr – kaufen wollte. „Als der andere Laden aufhörte, bin ich bei der Kundin vorbeigefahren und hab’ gewunken.” Inge kichert. „Als die Kundin in der Woche darauf auf mich gewartet hat, bin ich vorbeigefahren – und hab’ wieder gewunken.” So leicht vergisst Inge nicht.

Heute jedoch streikt der mobile Laden. Der Motor dröhnt, aber der Wagen fährt nicht mehr als 50 Kilometer pro Stunde. 70, wenn es bergab geht und der Wind von hinten kommt. Irgendetwas ist kaputt. Das ist schlimm, denn Inges Laden ist auf den Dörfern eine wichtige Einrichtung. Wenn Inge nicht kommt, bleiben Brotkörbe leer und der Nachschub an Kreuzworträtseln versiegt. Irgendwann geht auch das Klopapier aus. Für viele Menschen ohne Fahrerlaubnis jenseits der 80 ist ihr Wagen die einzige Einkaufsmöglichkeit. Begonnen hat es vor vielen Jahren: In der DDR lässt sich Inge zur Fleischerin ausbilden. „Ich hab’ alles gemacht”, sagt sie, „abgestochen, gehäutet, Fleisch gehackt, Würste.” Eines Tages wird sie gefragt, ob sie nicht den Fleischerwagen fahren könne. Sie kann. Doch bald schmerzt ihr Rücken vom Fleisch hacken und ein Kunde beschwert sich, dass sie nicht freundlich genug sei. Inge reicht’s. Sie kündigt – und bekommt ein neues Angebot: Diesmal ist es ein fahrender Laden. Kein Fleisch hacken. „Und 300 D-Mark wollt’ er mir extra draufgeben, wenn ich für ihn fahre”, sagt Inge, „da hab’ ich Ja gesagt.” Norbert heißt der Mann. Bis heute trägt sie seinen Ehering.

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(Foto: Michel Penke)

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