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Sie nehmen Tiermedikamente, schlucken Tabletten, setzen sich Spritzen. Freizeitsportler haben keine Aussicht auf Siegprämien, Olympiamedaillen und Fernsehauftritte. Trotzdem greifen viele von ihnen inzwischen zu Dopingmitteln. Warum?

Ich bin im Ägypten-Urlaub vor acht Jahren in das Geschäft eingestiegen. In einer Apotheke in Hurghada am Roten Meer gibt es Testosteron für fünf Euro pro Ampulle, ohne Rezept. Ich hab erst einmal wenig gekauft. Die Ampullen hab ich an einen Freund aus dem Fitnessstudio abgegeben. Eine Woche später fragte ein anderer Freund, ob ich noch welche für ihn hätte. So läuft das. Die Leute kommen zu dir. Im nächsten Urlaub hab ich dann schon mehr gekauft, und nach drei Jahren hatte ich einen kleinen Stamm von Kunden, die regelmäßig bestellt haben. Ich arbeite hauptberuflich im Marketing eines Unternehmens, für mich war das Dealen ein netter Nebenerwerb. Auf dem deutschen Schwarzmarkt kriegst du das Vierfache der ägyptischen Preise. Da war der Urlaub schnell wieder drin. Auf der Rückreise steht einem nur der Zoll im Weg. Die Beamten sehen meist schon von Weitem, wenn ein Mann stofft. Als Frau hat man es da leichter. Ich wurde noch nie gefilzt.

Vor knapp zehn Jahren etwa fing das an, und es hat sich von Jahr zu Jahr gesteigert. Vorher war Doping im Gegensatz zum Drogengeschäft für den Zoll nicht so das große Thema. Allein im vergangenen Jahr aber ist die Zahl der Beschlagnahmungen um 45 Prozent gestiegen. Inzwischen werden häufig nur die Grundstoffe im Ausland gekauft und dann hier in Deutschland in Untergrundlaboren zusammengemischt. Es ist viel leichter, nur die Grundstoffe ins Land zu schmuggeln, als fertige Ampullen oder Tabletten. Am Frankfurter Flughafen, über den täglich Tausende Pakete reinkommen, werden ohnehin nur Stichproben gemacht. Deshalb ist die Zahl dieser Labore immens nach oben gegangen, und die arbeiten sehr professionell: Die haben extra Aufkleber für die Ampullen. Verpackungen, die denen gleichen, die man auch aus dem normalen Medikamentenhandel kennt. Selbst Packungsbeilagen mit Handlungsanweisungen werden mitgeliefert. Am Ende sieht das fertige Produkt aus wie aus der Apotheke. Dopinghandel ist sehr konspirativ – vergleichbar mit dem Rauschgifthandel. Das fängt bei den Methoden an und hört bei den Gewinnen auf. Bis zu 1.000 Prozent Gewinn sind durchaus möglich.

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