qq
Mara* sehnt sich nach dem Ende. Vor acht Jahren starb ihre Mutter; ihr Vater ist daran zerbrochen. Die 14-Jährige ritzt sich, wenn sie sich einsam fühlt. Eines Tages schreibt sie einen Brief. An ihren Vater – zum Abschied.

(Dieser Artikel erschien zuerst in dem Buch „Die besten Reportagen, Porträts und Interviews aus der Deutschen Journalistenschule“.)

Lautlos durchtrennt die schmale Klinge die Haut. Aus der Wunde perlen dunkelrote Blutstropfen. Mara öffnet die Augen und atmet erleichtert aus. Der Drang ist fort. Der Schmerz hat den Wunsch vertrieben, tiefer unter die Haut zu schneiden.

Mara wischt die Klinge des Taschenmessers mit einem Tuch ab und klappt sie zurück in das Gehäuse. Das Geschenk ihres Vaters hat einen Griff aus dunklem Nussbaum. Die Klinge ist scharf wie am ersten Tag. Die kleine Blutspur, die über ihr Handgelenk rinnt, tupft sie mit einem Taschentuch ab. Dann faltet sie ein Stück des Papiers und legt es über den daumenbreiten Schnitt neben der Pulsader. Darüber schnürt sie das lederne Armband. So wird es keiner sehen.

Mara fühlt sich besser als je zuvor. Vor ein paar Tagen hat sie sich entschieden, es zu Ende zu bringen. Die Melancholie, die sie so häufig spürte, ist fort. Sie ist froh, es endlich hinter sich zu haben. Doch bevor es so weit ist, muss sie noch etwas erledigen. Mara reißt einen Bogen Papier aus ihrem Physikhefter und nimmt den Diercke-Weltatlas vom Schreibtisch. Sie setzt sich auf das Bett und lehnt sich gegen die Wand. Dann beginnt sie zu schreiben:

 Lieber Papa, …

Jan Borge* steht in der Küche und spült. Früher hat seine Frau immer den Abwasch am Abend gemacht. Er saß auf dem wackligen Holzschemel am Esstisch. Und während sie mit den Tellern und Tassen klapperte, kam seine kleine Mara angesprungen und wollte auf seinen Schoß. Gequietscht hat sie vor Freude, wenn er sie überraschend vom Knie rutschen ließ und erst in letzter Sekunde auffing.

Eines Tages jedoch blieb das schmutzige Geschirr unberührt in der Küche stehen. Ein Auto. Der Fahrer war wohl betrunken. Seitdem wäscht Jan Borge die Teller und Tassen und betrachtet die Fotos, die er und Mara auf die Fliesen geklebt haben. Er und Mara lachend am Ufer des Steinsees. Seine Frau mit der kleinen Mara auf dem Arm. Mara mit Schulranzen. Ein kleines, blondes Mädchen, frech und mit seeblauen Augen. Das ist acht Jahre her.

Nach dem Tod seiner Frau redet Jan Borge nicht mehr viel. Auch Mara ist stiller geworden. Während sie zu einer Jugendlichen heranwächst, leben die beiden nebeneinander her. Er arbeitet und geht in seiner freien Zeit in den Bergen wandern. Mara verbringt die Nachmittage bei Freunden. Sie sagen sich das Nötigste. Jeder erträgt die Vergangenheit allein.

Jan Borge hängt das Geschirrhandtuch an einen Haken und setzt sich auf seinen Platz am Esstisch. Der klapprige Schemel ist derselbe wie vor acht Jahren. Die Haare an seinen Schläfen sind nun weiß und die Lachfalten in seinen Augenwinkeln verschwunden. Er sei nicht unglücklich, sagt er und lächelt gequält.

Mara schiebt eine CD in den Laptop und nimmt den angefangenen Brief wieder zur Hand. Tori Amos, eine amerikanische Sängerin, die mit brüchiger Stimme über ihre eigene Vergewaltigung das Lied Me and A Gun singt. Mara sitzt lange vor dem leeren Blatt Papier. Wie kann sie ihrem Vater erklären, was er nie verstehen wird? Warum sie sich seit nun schon einem dreiviertel Jahr immer wieder ritzt. Warum sie überall das Endliche sieht. In jedem Familienfoto, in seinem Schweigen, selbst in der dreckigen Jutetasche, die ihr Vater zum Einkaufen benutzt. Warum sie sich wie ein Geist fühlt. Unsichtbar und einsam. Warum sie fest daran glaubt, dass nur der Tod sie von allem befreien kann. Dann schreibt sie:

Es gibt für mich hier nichts mehr zu tun.

Wann genau es passiert ist, weiß Jan Borge nicht. Mara veränderte sich. Viel von sich erzählt hatte sie schon lange nicht mehr. Jetzt aber schließt sie sich in ihrem Zimmer ein. Und wenn sie mal gemeinsam Abendbrot essen, ignoriert sie ihn. Sie trägt nur noch dunkle Pullover, Nietenarmband und viel Schminke. Die Pubertät, denkt Jan Borge. Als er eines Tages nicht locker lässt und immer wieder fragt, was sie gerade in der Schule macht, explodiert sie. “Du kennst mich doch gar nicht! Was willst du überhaupt von mir?”, schreit sie, rennt in ihr Zimmer und verschließt die Tür. Das ist einer der vielen Momente, denkt er später, die er verpasst hat. In denen er nicht aufgestanden ist, nicht noch einmal mit ihr geredet hat, nicht die Stille durchbrochen hat.

Wenige Wochen später klingelt sein Telefon spät am Abend. Er müsse sofort in die Notaufnahme des Klinikums kommen. Seine Tochter schwebe in Lebensgefahr. Die Pulsader sei aufgetrennt.
Jan Borge fühlt nichts in diesem Moment. Keine Furcht, keine Wut. Kein Entsetzten. Minuten vergehen. Nach einer gefühlten Ewigkeit wacht er auf. Die Autoschlüssel entgleiten seinen fahrigen Händen, die Wohnungstür steht weit offen, als er in Richtung Krankenhaus rast. Am Bett seiner Tochter angekommen, bricht er zum ersten Mal in Tränen aus. Sie liegt mit geschlossenen Augen, bleich und mit offenen Haaren vor ihm. Das linke Handgelenk ist mit weißen Mullbinden umzurrt. Aus Furcht, die Wunde wieder aufzureißen, wagt er es nicht, ihre Hand zu nehmen. Als sie schließlich die Augen aufschlägt, weiß er zuerst kein Wort zu sagen.

Der Arzt bittet ihn zu sich, als er nach Stunden das erste Mal das Zimmer verlässt. Er will viel über Mara wissen. Ob sie Depressionen habe, wer ihre Freunde seien, welche Probleme sie beschäftigten? Jan Borge weiß es nicht. Dann spricht der Arzt von psychischen Störungen, von traumatischen Krisen, von gefährlichen Stimmungsschwankungen. Er sagt: “Herr Borge, Ihre Tochter ist krank, sehr krank.” Mara müsse im Krankenhaus bleiben bis ausgeschlossen werde könne, dass sie einen erneuten Versuch unternähme. Jan Borge nickt.
Mara hat den Brief beendet. Er ist sehr kurz geworden. Eigentlich wollte sie mehr sagen, doch dann waren die Wörter nicht gut genug. Sie hat geschrieben, dass es ihr leidtut, dass er es noch einmal ertragen müsse. Und dass sie ihn lieb hat. Jetzt liegt er zusammengefaltet auf ihrem Bett.

Mara packt ihre Sachen. Das Nussholz-Messer und ein Foto von ihrer Mutter und ihrem Vater steckt sie in die Hosentasche. Damals war er noch nicht so traurig. Dann zieht sie einen Pullover über, geht zur Haustür hinaus und schließt sorgfältig ab. In einer halben Stunde wird ihr Vater nach Hause kommen.

Sie steuert den nicht weit entfernten Park an. Sie ist schon immer gerne dort gewesen. Aufgeregt fühlt sie nach dem Messer in der Hosentasche. Es ist immer noch da. Tabletten will sie nicht nehmen, denn sie möchte wach sein, wenn es passiert. Im Park angekommen schnallt sie das Lederarmband ab. Das Stück Taschentuch mit dem rostbraunen, getrockneten Blut löst sich und fällt ins Gras. In der Dämmerung sind die dunklen Narben am bleichen Handgelenk deutlich zu sehen. Mara zieht das Messer hervor und klappt die Klinge auf. Es ist so weit. Endlich.

Das Licht in der Küche schwindet. Jan Borge sitzt auf seinem Holzschemel und wartet. Nach Maras Selbstmordversuch fand er einen Zettel auf ihrem Bett. Den Abschiedsbrief seiner Tochter. Er trägt ihn in der Brusttasche mit sich herum. Ein kariertes Stück Papier, die beiden Löcher an der Seite sind ausgerissen. Darauf in schnörkeliger Mädchenhandschrift die Zeilen:

Lieber Papa,
es ist nicht deine Schuld. Es gibt für mich hier nichts mehr zu tun. Es tut mir leid, dass du das zum zweiten Mal durchmachen musst. Ich grüß Mama von dir.
Deine Mara
PS.: Hab dich lieb.

Er kann diese Zeilen auswendig. Als er sie das erste Mal las, gaben seine Beine nach und er sackte er zusammen. Seitdem hat er sie Hunderte Male gelesen. Vielleicht als Strafe, vielleicht weil er bis heute nicht verstehen kann, was passiert ist. Den Spaziergänger, der Mara damals fand und den Krankenwagen rief, hat Jan Borge nie getroffen. An der Stelle im Park hat er ein Schild mit Telefonnummer aufgehängt. Angerufen hat nie jemand. Jan Borge hätte dem Unbekannten gerne gedankt. Vielleicht hätten ihm aber auch die Worte gefehlt.

Jan Borge sieht auf die Uhr. Kurz nach halb sieben. Eigentlich müsste sie schon wieder da sein. Er wird unruhig. Dann hört er Schritte im Hausflur und die Tür schwingt auf. Ein schlankes Mädchen tritt in die Küche. Verschwitzt und in Sportklamotten. Mara geht jetzt jedes Mal im nahen Park joggen, wenn der Gedanke wieder da ist. Gegen den Drang, sich selbst zu verletzten, hatte der Arzt körperliche Verausgabung empfohlen. Jan Borge wartet dann immer in der Küche, bis seine Tochter zurückkommt. Als Mara sich zu ihm an den Tisch setzt, lächelt er. Und schweigt.

*Namen vom Autor auf Wunsch der Protagonisten geändert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.